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Wird der Offsetdruck obsolet?

Die Hersteller von Inkjetdrucksystemen propagieren die Obsoleszenz des Offsetdrucks. Doch potenzielle Anwender aus dem grafischen Umfeld tun sich schwer mit der Umstellung.

Josef InauenDer Highspeed-Inkjetdruck ist ein ­digitales Druckverfahren, das gezielt Tintentropfen auf einen Druckträger aufbringt. Nur schon durch diese Definition ist das Verfahren schlecht mit dem Offsetdruck vergleichbar, da dieser ein statisches (Vervielfältigung) und der Inkjetdruck ein dynamisches (digitales) Druckverfahren ist. Jede Seite kann völlig unterschiedlich sein.

Zudem benötigt das Verfahren keine Übertragungsmaterialien wie Platten und Gummitücher, mit Inkjet wird direkt ab Daten berührungslos auf das Substrat gedruckt. Die Vorteile liegen auf der Hand, trotzdem sind da aber klare Vergleichskriterien, die für beide Drucktechnologien angewendet werden sollen: Druckqualität, Geschwindigkeit und nicht zuletzt der Preis. Es ist also nicht damit getan, Offset rauszunehmen und Inkjet reinzustellen. Die Drucksysteme und der dazugehörende Workflow – vor und nach der Maschine – sind zu unterschiedlich. Um den Inkjetdruck zu nutzen, wozu er propagiert wird, nämlich digital zu drucken, sind zudem andere und vor allem auch neue Geschäftsmodelle gefragt.

Highspeed-Inkjet ab Rolle

Druck ab Rolle heisst, vor der Druckmaschine wird Rollenpapier über einen Abroller der Maschine zugeführt. Maschinen der bekannten Hersteller drucken in der Regel doppelseitig (4/4) auf die Papierbahn. In einem Druckturm wird die Vorderseite der Papierbahn bedruckt, danach wird die Bahn gewendet und im zweiten Druckturm wird die Rückseite mit Farbe versehen. Eine Ausnahme bietet Xerox: Ein Modell im Portfolio bedruckt auf kleinstem Raum in nur einer Maschine die Papierbahn doppelseitig (4/4).

Nach dem Druck bieten sich zwei Möglichkeiten. Die Papierbahn kann wieder aufgerollt und danach offline der entsprechenden Weiterverarbeitung zugeführt werden. Oder es können alle Weiterverarbeitungsschritte inline an die Druckmaschine angebunden werden. Von Fall zu Fall ist zu klären, welcher Workflow sinnvoller ist. Zu erwähnen ist, dass sich die Rolle per nachgelagerte Schneideeinheit auf jede gewünschte Bogengrösse aufschneiden lässt – dynamisch, passend für jeden Auftrag.

Betriebe mit einer traditionellen Weiterverarbeitung im Bogenformat können ihren Arbeitsablauf in der Ausrüstung beibehalten. Ob dies in jedem Fall sinnvoll ist, ist zu hinterfragen. Je nach Qualitätsanforderungen drucken moderne Highspeed-Inkjetmaschinen doppelseitig mit Bahngeschwindigkeiten bis zu 200 Metern pro Minute. Das entspricht pro Stunde mehr als 34 000 Druckseiten im Format B2. Bei höchster Druckqualität und einer Bahngeschwindigkeit von immer noch 50 Metern pro Minute sind es noch immerüber 8500 B2-Druckseiten pro Stunde.

Lowspeed-Inkjet ab Bogen

Inkjet-Bogendruckmaschinen sind für die Formate A3+, B2 und B1 erhältlich, bewegen sich aber, was die Fortdruckgeschwindigkeiten anbelangt, weit unter dem Highspeed-Segment. Meist sind Bogendruckmaschinen 4/0 ausgelegt, was für den Duplexdruck voraussetzt, dass der Bogen nach dem Druck der ersten Papierseite gewendet und ein zweites Mal durch die Maschine geschickt wird. So erreicht die Fujifilm Jet Press 720 pro Stunde gerade einmal knapp 2800 Druckseiten im Format B2. Einiges schneller ist die Heidelberg Primefire 106 für den industriellen Inkjetdruck im Format 70 × 100 cm. Die Fortdruckgeschwindigkeit wird hier mit 2500 Druckseiten pro Stunde angegeben.

Tinte und Papier

Obwohl die meisten Maschinenhersteller damit werben, alle herkömmlichen Standardpapiere bedrucken zu können, ist hier Vorsicht geboten. Für hochwertige, gestrichene Papiere ausgelegte Tinten ergeben auf diesen Druckträgern hervorragende Ergebnisse. Auf ungestrichenen Papieren fällt die Qualität jedoch massiv ab. Die Farbe schlägt zu stark weg und wirkt auf Naturpapieren flau und kontrastlos. Einige Hersteller behelfen sich damit, vor dem Druckprozess einen partiellen oder vollflächigen Primer auf den Druckträger aufzubringen, um damit das Wegschlagen der Tinte zu verhindern. Diese Massnahme kann aber zu anderen Problemen führen. Der Primer auf dem Papier erhöht die abzutrocknende Wassermenge und führt zu einem entsprechend höheren Energieverbrauch. Auch leidet das Papier unter dem extremen Benetzungs- und Trocknungsprozess.

Primer und Farbe liegen auf der Papieroberfläche und ergeben einen unstabilen Verbund. Um die Scheuerfestigkeit zu gewährleisten, wird nach dem Druckprozess zum Teil noch vollflächig überlackiert. Dieses so genannte Inkjet-Sandwich ist nicht ganz unproblematisch. Es wird nach Lösungen gesucht, ein solches zu umgehen.

Screen und Xerox haben offensichtlich das Ei des Kolumbus gefunden und erreichen auf standardgestrichenen Papieren ohne vorherigen Primerauftrag sehr gute Ergebnisse. Ricoh will ab Sommer 2018 auch von diesen Vorteilen profitieren und hat vor, die Tintenformulierung von Screen übernehmen.

Für das Bedrucken von ungestrichenen Papieren stellen die Maschinenhersteller diverse Tinten zur Verfügung, die auf diesen Druckträgern hervorragende Qualitäten zulassen und bereits einen beträchtlichen Farbraum abdecken. Auch die problemlose Weiterverarbeitung dieser Druckträger ist gewährleistet.

Es ist also im Vorfeld genau zu definieren, welcher Mix an Druckträgern verarbeitet werden muss beziehungsweise nach der Investition verarbeitet werden soll. Die Maschinen werden mit einer Tinte ausgeliefert, die nicht je nach Anspruch schnell mal gewechselt werden kann. Ein Tintenwechsel mit erneuter Profilierung nimmt zwei bis drei Tage in Anspruch.

Die Papierhersteller sehen mittlerweile grosses Potenzial in diesem stark wachsenden Marktsegment und entwickeln laufend neue, angepasste Inkjetpapiere in einem meist vernünftigen Preissegment. Auch diese Entwicklung ist noch mit Vorsicht zu geniessen, da in der Regel die Papierspezifikationen mit einem, maximal zwei Tinten- respektive Maschinenherstellern zusammen getestet und zertifiziert werden. Mittlerweile hat aber jeder Hardwareanbieter mehrere Tinten im Einsatz und die Tintenformulierungen sind noch zu unterschiedlich. Ein Papier, das mit der einen Tinte ausgezeichnete Ergebnisse bringt, muss mit einer anderen Tinte vielleicht als mittelmässig oder sogar schlecht beurteilt werden. Dem Zusammenspiel von Tinte und Papier ist demzufolge allergrösste Beachtung zu schenken.

Qualität, Geschwindigkeit, Preis

Bogenmaschinen drucken mehrheitlich in einer offsetnahen oder sogar in guter Offsetqualität, dies mitunter weil die Durchlaufgeschwindigkeiten durch die Maschinen limitiert sind. Vereinfacht formuliert heisst das, je langsamer gedruckt wird, desto besser ist die Druckqualität.

Die meisten Rollendruckmaschinen können bezüglich Geschwindigkeiten variabel eingesetzt werden. Das lässt die Möglichkeit offen, das Druckprodukt den Kundenwünschen respektive dem Kundenbudget anzupassen. Dies kommt den heutigen Marktanforderungen entgegen, wo bezüglich Preis und Qualität Flexibilität gefordert wird. Es ist nicht sinnvoll, eine Rechnung mit Einzahlungsschein und Begleitbrief in höchster Qualität zu drucken, wohingegen eine hochwertige Broschüre eine solche voraussetzt. Genau diese Möglichkeit gilt es zu nutzen. Andere europäische Länder sind bezüglich Qualitätsanspruch viel schmerzfreier als die Schweiz – und haben Erfolg damit. In den Niederlanden ist das ein bewährtes Businessmodell. Der Kunde wählt die Qualität der Drucksache und damit gleichzeitig den Herstellungspreis. Der Preis ist unter Druck und wird es weiter bleiben. Das ist ein Fakt, und vor dieser Tatsache den Kopf in den Sand zu stecken, ist verantwortungslos.

Das Web beeinflusst den Anspruch des Endkunden an eine gedruckte Information ganz wesentlich. Durch die Spuren, die der User im Netz hinterlässt, kann er immer individueller und seinen tatsächlichen Bedürfnissen entsprechend beworben werden. Diese Zielgenauigkeit wird von gedruckter Information vermehrt auch gefordert. Die auf den Kunden zugeschnittene Information bekommt absolute Priorität und die Druckqualität tritt damit etwas in den Hintergrund. Das will nicht heissen, dass der moderne Kunde auf diese keinen Wert mehr legt, doch «good enough» reicht meist völlig. Der Informationsgehalt und die Aktualität sind die Hauptkriterien. Die Maschinen, um solche Drucksachen umzusetzen, stehen zur Verfügung.

Die Herausforderung annehmen

Transaktionsdrucker, Mailer und Druckdienstleister, die schon seit geraumer Zeit mit Inkjetsystemen arbeiten, kommen selten aus dem grafischen Umfeld, sondern haben ein grosses Know-how im Datenmanagement. Sie sind in der Lage, von fast jedem Host Daten zu übernehmen und daraus hochpersonalisierte Drucksachen herzustellen. Meist sind aber die Darstellungsform wie auch das Farbmanagement recht dürftig abgedeckt. Ganz zu schweigen von den Kenntnissen bezüglich Papier und komplexer Weiterverarbeitung, die bei der Herstellung hochwertiger Drucksachen unentbehrlich sind.

Grafische Betriebe besitzen eine hohe Affinität zu Farben und Bildern und beschäftigen meist auch Personal, das bezüglich Layout der Drucksache und dem dazu passenden Druckträger das nötige Wissen und viel Erfahrung hat. Was den klassischen grafischen Betrieben fehlt, ist der Umgang mit komplexen Datenströmen für den personalisierten oder individualisierten Druck.

Man sollte meinen, dass es doch einfach ist, aus den zukünftigen Erwartungen der Kunden und den bestehenden Fähigkeiten die notwendigen Entwicklungsschritte definieren zu können. Ganz so einfach, wie es scheint, ist es aber dann doch nicht. Der Umbau des Unternehmens kostet Geld, verlangt nach neuem Wissen und glasklaren Zukunftsstrategien. Dazu kommt, dass die Halbwertszeiten der Technologie nicht mehr dieselben sind wie noch vor einigen Jahren. Diese Beschleunigung bringt das digitale Zeitalter mit sich und die schneller tickenden Uhren lassen sich weder verlangsamen noch stoppen. Die Frage wird sein, wie man sich aufstellt, um von dieser Beschleunigung nicht wegkatapultiert zu werden.

Entwicklungsschritte im Inkjet

Der Offsetdruck wird nicht obsolet werden: Für statische Drucksachen, die in hoher Qualität produziert werden müssen und welchen auch die benötigte Produktionszeit eingeräumt wird, wird Offset auch in Zukunft die bevorzugte Drucktechnologie sein.

Es geht vielmehr um die Frage, welche Aufträge vom Offset zum High­speed-Inkjetdruck verlagert werden müssten, um diese den neuen Kundenanforderungen entsprechend fertigen zu können. «Time to Market» wird kein Schlagwort bleiben, die Anforderung, News und andere aktuellen Informationen immer schneller auch als Druckprodukt an den Endkunden zu bringen, wird zunehmen. Grosse Auflagen in kleinen Losgrössen hoch individualisiert und personalisiert innert kürzester Zeit fertiggestellt, das wird die Domäne des Inkjetdrucks werden.

Die beiden Drucktechnologien sollten nicht als Konkurrenten gesehen werden. Im Gegenteil, sie werden in einem ausgereiften und zukunftsorientierten Geschäftsmodell nebeneinander bestehen können. Es wäre fatal, die Augen vor der aktuellen Entwicklung zu verschliessen und den Fortschritt zu ignorieren. Aber es geht nicht um Offset raus und Inkjet rein, sondern, im Idealfall, darum, eine obsolete Offsetmaschine durch eine Inkjetmaschine zu ersetzen. In dieser Konstellation kann die Inkjettechnologie schon heute die meisten Anforderungen des Gewerbes erfüllen.

Natürlich hat der Highspeed-Inkjetdruck als noch junge Technologie viel Potenzial. In Halbjahresschritten werden Innovationen folgen: vor allem in der Tintenformulierung – bei der Standardisierung der Farben und deren Anpassung an vorhandene Druckträger. Die Druckqualität wird über eine verbesserte Auflösung nochmals einen Sprung nach oben machen und die Geschwindigkeit der Maschinen wird kontinuierlich steigen.

Ist derjenige, der heute investiert, in zwölf Monaten bereits der «Lackierte»? Die meisten Hersteller bieten attraktive Eintauschangebote, damit ihre Kunden immer auf dem neusten Stand der Technologie bleiben. Xerox hat hier ein innovatives Konzept und beweist, dass es möglich ist, Neuerungen in bestehende Maschinen zu übernehmen. Selbstverständlich sind auch solche Upgrades nicht kostenlos zu haben. ↑­

Die wichtigsten Player am Markt

Canon kann seit der Übernahme von Océ ein starkes ­Sortiment anbieten. (RL)

Fujifilm mit einer Bogen­maschine im Format B2. (BG)

Heidelberg mit einer Bogen­maschine im Format B1. (BG)

Hewlett Packard ist sehr breit aufgestellt, vom Verpackungsdruck bis zur Zeitung. (RL)

Komori/Konica Minolta mit einer Bogenmaschine im ­Format B1 und UV-Tinte. (BG)

Ricoh mit einer eigenen Maschine und neu mit Maschinen von Partner Domino. (RL)

Screen mit innovativer Rollen­maschine. (RL, BG)

Xerox hat sich mit der Übernahme von Impika hervorragend positioniert. (RL, BG)

RL = Rollen, BG = Bogen